Im Juni 2026 hat der Indexanbieter FTSE Russell seine US-Indizes neu sortiert. Das Ergebnis hat viele Anleger überrascht: Amazon wurde zu 92 Prozent dem Value-Stil zugeordnet, Microsoft zu 50 Prozent und Apple zu 46 Prozent (stock3).
Amazon als Value-Aktie? Das klingt erst mal wie ein Witz. Bei Value denken die meisten an Banken, Ölkonzerne und langweilige Versorger. Genau deshalb lohnt sich ein genauer Blick: Was ist eine Value-Aktie heute eigentlich noch – und wie erkennst du eine echte Chance, ohne in eine Falle zu tappen?
Value heißt nicht „langweilig“, sondern „günstig im Verhältnis“
Eine Value-Aktie ist eine Aktie, die im Verhältnis zu dem, was das Unternehmen verdient oder besitzt, niedrig bewertet ist. Die Branche spielt dabei keine Rolle. Entscheidend ist das Verhältnis zwischen Preis, Fundamentaldaten und Wachstum.
Die klassischen Kennzahlen dafür kennst du wahrscheinlich:
- Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV): Wie viele Jahresgewinne zahlst du für die Aktie?
- Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV): Wie viel zahlst du im Vergleich zum bilanziellen Eigenkapital?
- Dividendenrendite: Wie viel schüttet das Unternehmen im Verhältnis zum Kurs aus?
- Kurs-Free-Cashflow-Verhältnis (KFCF): Wie viel zahlst du für das Geld, das nach allen Investitionen wirklich übrig bleibt?
Hier liegt der Grund für die Amazon-Überraschung. Das KBV stammt aus einer Zeit, in der Fabriken, Maschinen und Grundstücke den Wert eines Unternehmens ausmachten. Heute stecken viele Werte in Software, Marken und Netzwerken, die in keiner Bilanz auftauchen. Wer nur aufs KBV schaut, übersieht solche Firmen. Wer auf Cashflows schaut, findet sie plötzlich in der Value-Ecke.
Das Comeback nach 15 mageren Jahren
Von 1980 bis 2007 lief Value hervorragend. Nach der Finanzkrise drehte sich das Bild: Niedrige Zinsen, billiges Geld und rasant wachsende Tech-Gewinne trieben die Growth-Aktien nach oben. Abgesehen von einer kurzen Erholung nach Corona hinkte Value fast durchgehend hinterher (AllianceBernstein).
Seit 2025 sieht es anders aus. Von 2025 bis Mai 2026 haben Value-Aktien weltweit ein deutliches Comeback hingelegt. Getragen wurde es von Gewinnen über den Erwartungen, europäischen Rüstungsausgaben, steigender Nachfrage nach Verkehrsflugzeugen und erholten Agrarpreisen (AllianceBernstein). Auch ein starker Energiesektor half Anfang 2026 (Morningstar).
Trotzdem ist Value noch immer günstig. Der Abschlag beim erwarteten KGV gegenüber Growth-Aktien liegt laut AllianceBernstein weltweit bei rund 41 Prozent. Dazu kommt ein Punkt, den viele unterschätzen: Im Morningstar-Growth-Index machen die zehn größten Werte 56 Prozent des Gewichts aus, im Value-Index nur 29 Prozent (Morningstar). Wer nur auf Growth setzt, setzt also auf sehr wenige Pferde.
Value-Chance oder Value-Falle?
Eine Aktie mit niedrigem KGV ist noch lange kein Schnäppchen. Manchmal ist sie günstig, weil das Geschäft wirklich schrumpft. Das nennt man Value-Falle: Du kaufst billig und es wird noch billiger. Selbst ein einfacher Cashflow-Screen reicht nicht, denn auch unter den günstigsten Cashflow-Aktien stecken Fallen (AllianceBernstein).
Bayer zeigt beide Seiten. Jahrelang sah die Aktie auf dem Papier günstig aus und fiel trotzdem weiter. Die Glyphosat-Klagen lasteten auf dem Konzern, die Dividende wurde auf das gesetzliche Minimum gekürzt. 2026 gab es Fortschritte bei den Roundup-Klagen, und die Aktie liegt im Jahr gut 30 Prozent im Plus (stock3). Der Unterschied zwischen Falle und Chance war hier kein Kennzahlen-Wert, sondern die Frage, ob das Kernproblem lösbar ist.
Meine Checkliste, bevor ich eine günstige Aktie kaufe:
- Warum ist sie günstig? Kann ich den Grund in einem Satz benennen – und ist er vorübergehend oder dauerhaft?
- Fließt echtes Geld? Der Free Cashflow sollte über mehrere Jahre positiv sein und die Dividende decken.
- Wie hoch sind die Schulden? Eine hohe Verschuldung verwandelt eine schwache Phase schnell in eine Krise.
- Gibt es einen Auslöser? Ein neues Management, ein Ende von Rechtsstreitigkeiten oder ein Konjunkturwechsel können die Neubewertung anstoßen.
- Hält das Geschäftsmodell zehn Jahre? Billig hilft nicht, wenn die Branche verschwindet.
Warum Value und Dividenden so gut zusammenpassen
Für uns Dividendenanleger ist Value fast automatisch ein Thema. Wer günstig kauft, bekommt für jeden investierten Euro mehr Dividende – und sichert sich diese höhere Rendite auf den Einstiegskurs dauerhaft.
Genau darauf baut auch meine Dividenden-Alarm-Strategie auf: Sie zeigt, in welcher Marktphase wir uns befinden, und hilft, unterbewertete Unternehmen zu finden. Ein Crash wie 2020 oder 2022 ist dann kein Grund zur Panik, sondern eine Einkaufsliste.
Die neue Value-Welt bringt aber eine Lehre mit: Eine hohe Dividendenrendite allein macht noch keine Value-Aktie. Oft ist sie ein Warnsignal, weil der Kurs aus gutem Grund gefallen ist. Ich schaue deshalb immer zuerst, ob der Free Cashflow die Ausschüttung deckt.
Mein Fazit
Value ist nicht tot, Value hat sich nur verkleidet. Die Frage lautet nicht mehr „Bank oder Tech?“, sondern „Was bekomme ich für meinen Preis?“. Wer auf Cashflows statt nur auf Buchwerte schaut, findet heute günstige Qualität in Ecken, in denen früher niemand gesucht hat.
Ob das Comeback weitergeht, weiß niemand. Morningstar erinnert zu Recht daran, dass in diesem Duell kein K.-o.-Sieg ausgerufen wird (Morningstar). Ich halte es deshalb wie immer: Günstig kaufen, Geschäftsmodell verstehen, Dividende kassieren und Geduld haben.
Wie siehst du das – setzt du gerade eher auf Value oder auf Growth? Schreib es mir in die Kommentare.
Hinweis: Dieser Artikel ist keine Anlageberatung, sondern gibt meine persönliche Meinung wieder. Investitionen in Aktien bergen Verlustrisiken.
