Im November 2001 schrieb die Computerwoche über ATOSS Software: „praktisch umsonst“. Die Firma war an der Börse damals rund 25 Mio. € wert – weniger als das Geld, das sie auf dem Konto hatte. Heute liegt der Börsenwert bei rund 1,4 Mrd. €, das Unternehmen schreibt seit 20 Jahren ununterbrochen Rekordzahlen und gehört zu den profitabelsten Software-Firmen Europas. Trotzdem kennt kaum ein Privatanleger den Namen. Und: Die Aktie ist rund 40 % unter ihrem Hoch. Zeit für einen genauen Blick.
Das Wichtigste auf einen Blick
| Unternehmen | ATOSS Software SE (WKN 510440, Kürzel AOF) |
| Sitz | München, gegründet 1987 von Andreas Obereder |
| Börsengang | 2000, heute im SDAX und TecDAX |
| Aktienkurs | rund 87 € (Stand: 23. Oktober 2026) |
| Allzeithoch | 146 € (Mai 2025) |
| Börsenwert | rund 1,4 Mrd. € (ca. 15,9 Mio. Aktien) |
| Dividende | 2,28 € für 2025 (Vorjahr 2,13 €) |
| Dividendenrendite | rund 2,6 % |
| EBIT-Marge 2026 (Prognose) | rund 37 % |
| Schulden | keine – rund 159 Mio. € Liquidität |
Was macht ATOSS?
ATOSS entwickelt Software für Workforce Management, auf Deutsch: Personaleinsatzplanung und Zeitwirtschaft. Klingt trocken, ist aber für viele Unternehmen geschäftskritisch. Wer im Supermarkt, im Krankenhaus, am Flughafen oder in der Fabrik Hunderte Mitarbeiter in Schichten einsetzt, muss jeden Tag beantworten: Wer arbeitet wann, wo, wie lange – und passt das zu Arbeitsrecht, Tarifvertrag und Kundenandrang?
Genau das erledigt ATOSS: Zeiterfassung, Dienstplanung, Personalbedarfsplanung und mobile Apps für die Mitarbeiter. Nach eigenen Angaben nutzen rund 15.600 Kunden in 50 Ländern die Software. Seit 2015 sind alle Produkte auch aus der Cloud verfügbar. Rund 16 % des Umsatzes fließen jedes Jahr in die Entwicklung.
Warum ATOSS ein Hidden Champion ist
- 20 Rekordjahre in Folge: Seit 2006 hat ATOSS jedes Jahr Umsatz und Ergebnis gesteigert – auch in der Finanzkrise und in der Corona-Zeit. 2026 soll das 21. Rekordjahr werden.
- Extreme Profitabilität: Eine EBIT-Marge von 37 % erreichen nur wenige Software-Firmen weltweit. Von jedem Euro Umsatz bleiben bei ATOSS rund 37 Cent als operativer Gewinn.
- Wiederkehrende Umsätze: 73 % des Umsatzes kommen aus Cloud-Abos und Wartungsverträgen. Das Geld fließt jeden Monat, egal wie die Konjunktur läuft.
- Hohe Wechselkosten: Wer seine gesamte Dienstplanung und Zeiterfassung auf ATOSS umgestellt hat, wechselt nicht einfach. Das macht die Kunden sehr treu.
- Schuldenfrei: ATOSS hat keine Bankschulden und rund 159 Mio. € Liquidität.
Die Geschichte: von „praktisch umsonst“ zur Milliarde
| Jahr | Meilenstein |
|---|---|
| 1987 | Andreas Obereder gründet ATOSS in München |
| 2000 | Börsengang, Umsatz 21,5 Mio. € |
| 2001 | Nach dem Dotcom-Crash ist ATOSS an der Börse nur rund 25 Mio. € wert – weniger als die Kasse |
| 2006 | Start der Rekordserie – seitdem jedes Jahr neue Höchstwerte bei Umsatz und Ergebnis |
| 2015 | Alle Produkte werden cloudfähig – heute machen Cloud-Abos 55 % des Umsatzes aus |
| 2021 | Aufnahme in den SDAX |
| 2023 | Investor General Atlantic steigt mit knapp 20 % ein, Aufnahme in den TecDAX |
| 2024 | Aktiensplit 1:1 |
| 2025 | Allzeithoch bei 146 €, 20. Rekordjahr in Folge |
| Ende 2026 | Gründer Obereder wechselt in den Aufsichtsrat, COO Pritim Kumar Krishnamoorthy wird neuer Chef |
Von 25 Mio. € Börsenwert im Jahr 2001 auf heute rund 1,4 Mrd. € – das ist mehr als das 50-Fache, Dividenden noch nicht eingerechnet. Seit dem Börsengang hat ATOSS insgesamt 16,33 € je Aktie ausgeschüttet, inklusive einiger Sonderdividenden.
Umsatz und EBIT seit 2007: achtmal so groß, doppelt so profitabel
| Jahr | Umsatz | EBIT | EBIT-Marge |
|---|---|---|---|
| 2007 | 24 Mio. € | 4 Mio. € | 17 % |
| 2010 | 29 Mio. € | 7 Mio. € | 24 % |
| 2013 | 36 Mio. € | 8 Mio. € | 22 % |
| 2016 | 50 Mio. € | 14 Mio. € | 28 % |
| 2019 | 71 Mio. € | 19 Mio. € | 27 % |
| 2022 | 114 Mio. € | 31 Mio. € | 27 % |
| 2023 | 151 Mio. € | 52 Mio. € | 34 % |
| 2024 | 171 Mio. € | 63 Mio. € | 37 % |
| 2025 | 189 Mio. € | 68 Mio. € | 36 % |
| 2026 (Prognose) | 210–215 Mio. € (unteres Ende) | – | rund 37 % |
| 2027 (Ziel) | rund 245 Mio. € | – | – |
In 18 Jahren hat sich der Umsatz fast verachtfacht, und die EBIT-Marge ist von 17 % auf 37 % gestiegen. ATOSS ist also nicht nur gewachsen, sondern mit jedem Jahr auch profitabler geworden. Das ist selten – viele Software-Firmen erkaufen sich Wachstum mit sinkenden Margen.
Die Zahlen: 2025 und die ersten neun Monate 2026
| Kennzahl | Geschäftsjahr 2025 | 9 Monate 2026 | Veränderung 9M |
|---|---|---|---|
| Umsatz | 189,3 Mio. € | 155,8 Mio. € | +12 % |
| davon Cloud & Abos | 92,7 Mio. € | 85,2 Mio. € | +26 % |
| Cloud-Anteil am Umsatz | 49 % | 55 % | |
| Wiederkehrende Umsätze | 131,9 Mio. € (70 %) | 113,8 Mio. € (73 %) | +17 % |
| Lizenzverkäufe | – | 3,7 Mio. € | −39 % |
| EBIT | 68,1 Mio. € | 57,3 Mio. € | +19 % |
| EBIT-Marge | 36 % | 37 % | |
| Gewinn je Aktie | 3,04 € | 2,45 € | +14 % |
| Operativer Cashflow | – | 75,7 Mio. € | +53 % |
| Mitarbeiter | 856 | 844 | −1 % |
Bemerkenswert: ATOSS wächst zweistellig, hat aber weniger Mitarbeiter als vor einem Jahr. Das Unternehmen setzt in der Entwicklung verstärkt auf künstliche Intelligenz und hat deshalb die Margenprognose für 2026 zweimal angehoben – von mindestens 32 % über mindestens 34 % auf jetzt rund 37 %. Für 2027 plant ATOSS einen Umsatz von rund 245 Mio. €.
Die Dividende
ATOSS schüttet einen großen Teil des Gewinns aus: 2,28 € je Aktie für 2025 bei einem Gewinn von 3,04 € – eine Ausschüttungsquote von rund 75 %. Die Dividende ist zuletzt um gut 7 % gestiegen. Bei einem Kurs von rund 87 € ergibt das eine Rendite von etwa 2,6 %.
Für Langfrist-Anleger ist ATOSS ein Paradebeispiel für die persönliche Dividendenrendite: Laut DSW-Dividendenstudie 2026 bekommt, wer Ende 2016 gekauft hat, heute 16,5 % Dividende auf seinen Einstandskurs – Platz 3 aller deutschen Aktien.
Warum die Aktie 40 % verloren hat
- KI-Sorgen in der ganzen Software-Branche: Viele Anleger fürchten, dass künstliche Intelligenz klassische Software-Anbieter angreifbar macht. Software-Aktien wurden deshalb seit 2025 breit abgestraft – ATOSS war davon nicht ausgenommen.
- Hohe Bewertung als Ausgangspunkt: Beim Hoch von 146 € lag das KGV bei rund 50. Ein Teil des Rückgangs ist schlicht eine Normalisierung.
- Umsatz am unteren Ende: Nach den Neunmonatszahlen rechnet ATOSS beim Umsatz 2026 nur noch mit dem unteren Ende der Spanne von 210 bis 215 Mio. €, weil klassische Lizenzverkäufe schwächeln. Die Aktie fiel am 23. Oktober um fast 7 %.
- Wechsel an der Spitze: Mit Gründer Andreas Obereder zieht sich zum Jahreswechsel die prägende Figur aus dem operativen Geschäft zurück.
Wer hinter ATOSS steht
| Aktionär | Anteil |
|---|---|
| AOB Invest (Gründer Andreas Obereder) | ca. 21,6 % |
| General Atlantic (Finanzinvestor) | ca. 21,6 % |
| Streubesitz | rund 57 % |
Der Gründer ist also weiterhin stark investiert. Mit General Atlantic sitzt zudem ein erfahrener Wachstumsinvestor mit im Boot.
Branchenvergleich: ATOSS gegen die großen US-Anbieter
Software für Personal und Arbeitszeit ist ein großer Markt, der von US-Konzernen dominiert wird. Wie schlägt sich der Münchner Mittelständler im Vergleich?
| Firma | Umsatz | Wachstum | Marge* | Dividende |
|---|---|---|---|---|
| ATOSS | 0,19 Mrd. € | +12 % | 37 % | ja, 2,6 % |
| Workday | ca. 9,9 Mrd. $ | +13 % | 12 % (31 %) | nein |
| Paycom | ca. 2,2 Mrd. $ | +10 % | (44 %) | ja |
| Paylocity | ca. 1,8 Mrd. $ | +11 % | (37 %) | nein |
Was der Vergleich zeigt:
- Wachstum auf Augenhöhe: ATOSS wächst mit rund 12 % ähnlich schnell wie Workday und Paylocity und schneller als Paycom – obwohl die US-Konzerne ein Vielfaches an Geld für Vertrieb und Marketing ausgeben.
- Marge in der Spitzengruppe: ATOSS erreicht 37 % EBIT ohne Bereinigungen. Workday kommt nach den offiziellen Rechnungsregeln auf knapp 12 %. Nur Paycom ist bei der bereinigten Marge höher.
- Dividende als Ausnahme: Die meisten US-Anbieter geben ihr Geld lieber für Aktienrückkäufe aus. ATOSS schüttet rund drei Viertel des Gewinns direkt an die Aktionäre aus.
- Kleiner, aber fokussiert: ATOSS ist rund 50-mal kleiner als Workday. Das ist Risiko und Chance zugleich: weniger Marktmacht, aber viel Platz zum Wachsen – vor allem außerhalb des deutschsprachigen Raums.
- Übernahmefantasie: Die Dayforce-Übernahme zeigt, dass Finanzinvestoren für Personal-Software Milliarden zahlen. Mit General Atlantic ist bei ATOSS bereits ein großer Investor an Bord.
Meine Bewertung: Was ist die Aktie wert?
Für 2026 schätze ich den Gewinn je Aktie auf rund 3,35 € (2,45 € nach neun Monaten plus ein starkes viertes Quartal). Beim aktuellen Kurs ergibt das ein KGV von rund 26 – für Qualität dieser Art nicht billig, aber so günstig wie lange nicht mehr. Für 2027 habe ich drei Szenarien auf Basis des Umsatzziels von 245 Mio. € und einer EBIT-Marge von rund 36 % gerechnet. Daraus ergibt sich ein Gewinn je Aktie von rund 3,90 €.
| Szenario | Gewinn je Aktie 2027 | KGV | Wert Ende 2027 |
|---|---|---|---|
| Vorsichtig (KI-Sorgen bleiben) | 3,90 € | 22 | ca. 86 € |
| Basis | 3,90 € | 27 | ca. 105 € |
| Optimistisch (alte Bewertung kehrt zurück) | 3,90 € | 32 | ca. 125 € |
Zum Vergleich: Die Analysten von NuWays sehen das Kursziel bei 134 €. Im vorsichtigen Szenario wäre die Aktie bei rund 87 € fair bewertet, im Basisszenario hätte sie gut 20 % Luft nach oben – plus jährlich rund 2,6 % Dividende.
Die Risiken
- Künstliche Intelligenz: Könnten große KI-Plattformen oder neue Anbieter Dienstpläne künftig billiger erstellen? ATOSS nutzt KI selbst, aber der Wettbewerb kann sich schnell ändern.
- Bewertung: Ein KGV von über 25 lässt wenig Raum für Enttäuschungen. Schon ein schwächeres Quartal kann den Kurs stark bewegen, wie der 23. Oktober gezeigt hat.
- Führungswechsel: Der Gründer prägt die Firma seit fast 40 Jahren. Ob der Nachfolger die Erfolgsgeschichte fortschreibt, muss sich zeigen.
- Abhängigkeit vom deutschsprachigen Markt: Ein großer Teil des Geschäfts kommt aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das internationale Wachstum ist noch ausbaufähig.
- Hohe Ausschüttungsquote: Mit rund 75 % bleibt wenig Spielraum für deutlich schnellere Dividendenerhöhungen als das Gewinnwachstum.
Stärken und Schwächen im Überblick
| Das gefällt mir | Das stört mich |
|---|---|
| 20 Rekordjahre in Folge | KGV trotz Kursrückgang über 25 |
| 37 % EBIT-Marge, schuldenfrei | Lizenzgeschäft bricht ein |
| 73 % wiederkehrende Umsätze, Cloud +26 % | Unsicherheit durch KI |
| Gründer und Profi-Investor mit je über 20 % an Bord | Gründer zieht sich aus dem Tagesgeschäft zurück |
| Hohe Ausschüttung, 16,5 % Yield on Cost seit 2016 | Dividendenrendite nur rund 2,6 % |
Mein Fazit
ATOSS ist für mich einer der beeindruckendsten Mittelständler an der deutschen Börse: unbekannt, hochprofitabel, schuldenfrei und mit einem Geschäftsmodell, das jeden Monat zuverlässig Geld einspielt. Dass so ein Unternehmen 2001 weniger wert war als seine Kasse, zeigt, wie sehr sich Geduld lohnen kann.
Die Aktie ist nach dem Rückgang von 40 % so günstig wie seit Jahren nicht – billig ist sie aber nicht. Die entscheidende Frage lautet: Wird KI für ATOSS zur Bedrohung oder zum Werkzeug? Die steigenden Margen sprechen bisher für das Zweite. Ich setze ATOSS auf meine Watchlist und schaue mir an, wie der neue Chef ins Jahr 2027 startet.
Und du? Kanntest du ATOSS – oder arbeitest du vielleicht sogar selbst mit der Software? Schreib es mir in die Kommentare.
Noch ein Hidden Champion
Mensch und Maschine: 6 % Dividende vom Software-Spezialisten
Ebenfalls aus Bayern, ebenfalls gründergeführt – mit deutlich höherer Dividende.
Zur Analyse →Keine Anlageberatung. Alle Angaben ohne Gewähr, Stand 25. Oktober 2026. Quellen: Neunmonatsbericht 2026 und Pressemitteilungen der ATOSS Software SE, ATOSS-Präsentation zur Hauptversammlung 2026, DSW-Dividendenstudie 2026, Computerwoche (02.11.2001), boerse.de, ad-hoc-news, Wikipedia, Quartalsberichte von Workday, Paycom und Paylocity, Financier Worldwide. Die Gewinnschätzungen für 2026 und 2027 sind eigene, vereinfachte Berechnungen.
